Wenn Menschen durch alle Netze fallen

Wie bedingen sich seelische Gesundheit und Wohnungslosigkeit gegenseitig? Wie ist die Lage in Itzehoe, und welche Lösungsansätze gibt es?

Zu diesen Fragen hatte der Grüne Kreisverband Steinburg anlässlich des Tages der seelischen Gesundheit am 10. Oktober ins Studio des theater itzehoe eingeladen und mehr als 60 Besucher*innen waren gekommen um zu hören, wie die Gäste aus Medizin, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Politik unter der Moderation von Dr. Rolf Michels das Thema von verschiedenen Seiten betrachteten und anschließend auf dem Podium Fragen beantworteten.
Prof. Arno Deister, ehem. Leiter des Zentrums für Psychosoziale Medizin Itzehoe, führte in das Thema ein. Trotz des international verankerten Rechts auf Wohnen sind in Deutschland geschätzt 1. Mio. Menschen ohne eigene Wohnung – statistisch auf den Kreis Steinburg heruntergebrochen wären das 1.500 Menschen. Der Begriff „wohnungslos“ umfasst ein breites Spektrum von obdachlos bis hin zu Menschen, die übergangsweise bei Freunden unterkommen.
Unter den Wohnungslosen haben bis zu 77 % eine psychische Erkrankung (zum Vergleich: der Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt 20 %). Da stellt sich die Frage nach der Henne und dem Ei.
Die Gründe für psychische Erkrankungen sind vielfältig: Armut, Alter, Arbeitslosigkeit, Klima, Belastungen, persönliche Krisen etc. Und diese Faktoren können auch zur Wohnungslosigkeit führen, zumal aktuell oft der Mangel an bezahlbarem Wohnraum dazukommt. Wohnungslosigkeit und psychische Erkrankungen bilden also einen Kreislauf und können sich gegenseitig verstärken.
Gerade in diesem Kreislauf spielt Prävention eine wichtige Rolle, sie wird in Deutschland allerdings extrem vernachlässigt (weniger als 8 Euro pro Jahr pro Person). Mehr Prävention könnte die enormen Folgekosten psychischer Erkrankungen massiv senken.
Einigkeit besteht nach Deister in der Wissenschaft inzwischen darüber, dass den Betroffenen als Erstes Wohnraum zur Verfügung gestellt werden muss (Housing First), bevor andere Maßnahmen greifen können.
Abschließend betont Prof. Deister die Bedeutung der psychosozialen Medizin, wie sie seit über 17 Jahren im Klinikum Itzehoe als sektoren- und settingübergreifende Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen praktiziert wird. Psychische Erkrankungen entstehen im Alltag und müssen im Alltag behandelt werden.

Friedemann Ohms berichtet über die Arbeit des „Grüner Zweig Itzehoe“, der seit 2021 sozial benachteiligte Menschen unterstützt und fördert. Dabei schildert er eindrücklich die Situation der Menschen, die sich nicht mehr um sich selbst kümmern können und zwischen den Institutionen verloren gehen. Die jeweiligen Probleme verstärken einander.
Laut Angabe der Stadt gibt es allein in Itzehoe ca. 450 wohnungslose Menschen, doch die nächste Wohnungslosen-Beratungsstelle befindet sich in Elmshorn. Ohms begrüßt die Einführung des Housing First durch die Stadt Itzehoe, fordert aber mehr Wohnraum und mehr Geschwindigkeit, denn ehrenamtliche Arbeit könne behördliches Handeln nicht ersetzen.
Hinschauen, finanzieren und dranbleiben – so soll die Wohnungslosigkeit bis 2030 abgeschafft werden. Hier sind Stadt und Kreis gefordert, betont Ohms.

Auf das Konzept Housing First, das Anfang des Jahres von der Stadt beschlossen wurde, geht Fin Matzick, Leiter des Amts für Bürgerdienste Itzehoe, näher ein. Ab 2027 wird für ca. 15 Personen bedingungsloser Wohnraum aus dem Bestand städtischer Wohnungen zur Verfügung gestellt. Dies erfolgt dezentral, um Stigmatisierung zu vermeiden und soziale Integration zu ermöglichen. Verbunden wird dies mit dem Angebot flexibler Hilfen. Betreuung findet nur statt, wo sie gewünscht wird und wie sie in Anspruch genommen werden möchte. Dies ist eine enorme Verbesserung zur aktuellen Situation, in der Menschen untergebracht und alleine gelassen werden. Die Finanzierung dieser Hilfen wurde von der Stadt als freiwillige Leistung zunächst für zwei Jahre beschlossen.
Matzick betont, dass das Hilfesystem in Deutschland vergleichsweise gut ausgestattet sei, wir müssten es nur zu den Menschen bringen. Obdachlosen-Vertreibungspolitik ist keine Lösung – in Itzehoe wird mit dem Housing First Konzept nun der erste Schritt getan, um wohnungslosen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen.

Dass es gar nicht erst zu Wohnungslosigkeit kommt, dafür setzt sich die Ärztin Birgit Molitor, seit 13 Jahren in aufsuchender Behandlung tätig, ein. Sie berichtet von ihrer Arbeit mit ihrem Team, das aus zwei Ärztinnen, einer Krankenpflegekraft, einem Sozialarbeiter, einer Ergotherapeutin sowie einem Genesungsbegleiter besteht. Das Team leistet Hilfe möglichst innerhalb von 24 Stunden – je früher umso besser, sucht die Menschen in ihrem Umfeld auf, hört zu und führt Netzwerkgespräche mit Familie, Nachbarn etc. Die Unterstützung des Netzwerks vor Ort ist enorm wichtig: Wenn sich Verständnis entwickelt und Beziehungen stabil bleiben, wirkt dies z. B. dem Verlust der Wohnung entgegen.
Je nach den psychosozialen Bedingungen leistet das Team darüber hinaus konkrete Hilfe. Sie reicht von gemeinsamen Besuchen beim Arbeitgeber, Hilfe bei Anträgen oder Sicherstellung der regelmäßigen Medikation bis hin zum Anpacken bei vermüllten Wohnungen oder Unterbringung von vernachlässigten Tieren schwer depressiver Personen.

Jasper Balke, gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen im Landtag, ordnet das Thema politisch ein.
In Deutschland korreliert Armut stark mit gesundheitlichen Einschränkungen, Gründe dafür sind z. B. fehlende Freizeitangebote, ungesunde Ernährung oder mangelnde soziale Teilhabe. Auf der anderen Seite ist Wohnraum in Deutschland vor allem Spekulationsobjekt – nirgends in Europa ist der Anteil an Wohneigentum so niedrig wie hier. Dies verstärkt den Kreislauf Wohnungslosigkeit – psychische Erkrankung.
Gleichzeitig hat sich die Lage der Psychotherapie durch Reformen der Bundesregierung stark verschlechtert: Es fehlt Geld für Weiterbildungsplätze, sodass wir bei steigendem Bedarf nach Therapien immer weniger Psychotherapeuten ausbilden. Im gerade beschlossenen GKV-Beitragssatz-Stabilisierungsgesetz spart die Bundesregierung bei der Psychotherapie, obwohl die Kosten (Erwerbsminderung, Krankentage) steigen, je später die Therapie startet.
Trotz hoher Ausgaben im Gesundheitsbereich liegen die Ergebnisse in Deutschland nur im Mittelfeld, die Lebenserwartung sinkt. Der Staat gibt viel Geld in den stationären Bereich, kommt aber seiner Aufgabe der Prävention nicht nach. Darüber hinaus formuliere der Bund Ansprüche, die nicht ausreichend aufeinander abgestimmt sind, sodass es der/dem Einzelnen überlassen bleibt, sich in unterschiedlichen Hilfesystemen zurechtzufinden. Wir brauchen stattdessen ein System, das die Menschen mitnimmt und begleitet, so Balke.
Außerdem betonte er, dass in den Kommunen das Herz der Demokratie schlage. Es sei deshalb Aufgabe der Politik, deren Handlungsspielräume wieder zu stärken.

In der abschließenden Diskussion begrüßten alle die jetzige Initiative der Stadt, es wurde aber auch gefragt, ob die bereitgestellten Wohnungen ausreichen und welche Hilfsangebote es außerhalb von Itzehoe im Kreis geben würde. Fin Matzick wies darauf hin, wie wichtig es dennoch sei, dass die Stadt die kurzfristige Umsetzung des Housing-First-Konzeptes ermögliche. Wenn dies Projekt erfolgreich sei, werde es sicherlich die Tür für weitere Initiativen öffnen.