Gemeinsam stark bleiben: Die Auswirkungen von Social Media auf unseren Zusammenhalt

Warum erstarken gerade in vielen Ländern gleichzeitig radikale Populisten, die unsere demokratischen Gesellschaften bedrohen? Wie können Desinformation und Spaltung derart schnell um sich greifen? Antwort: Die Spaltung durch Social Media wird immer noch unterschätzt.

In einer Informationsveranstaltung der Steinburger Grünen am 19. Mai im Grünen Treff Itzehoe zeigte die ehemalige Bundestagsabgeordnete Ingrid Nestle die psychologische Wirkweise auf und erklärte: „Social Media sind grundsätzlich nicht geeignet als Quelle für politisch relevante Informationen. Reichweite bekommen immer die empörenden Nachrichten, weil diese die Menschen am Bildschirm halten.“

Ingrid Nestle zeigte anhand von Untersuchungen, wie viel schneller und weiter Lüge und Empörung getragen werden als versöhnliche Botschaften und welche psychologischen Effekte als Booster in den Sozialen Medien wirken:

  • Der Nasty Effect: Wut und Hass rufen eine stärkere Wirkung hervor und sorgen für verhärtete Fronten.
  • Der Illusory Truth Effect: Je öfter wir etwas hören oder lesen, umso mehr sind wir bereit, es zu glauben.
  • Kollektiver Narzissmus: Die eigene Gruppe bestätigt sich selbst immer wieder, wie toll sie ist und wertet andere Gruppen ab.

Nestle sieht drei Hauptgründe, warum Social Media eine Gefahr für unsere Demokratie und unseren Zusammenhalt darstellen:

  1. „Nicht die AfD ist gut auf TikTok, TikTok ist gut zur AfD.“
    Die AfD hat Erfolg, weil sie antidemokratische Inhalte verbreitet und Empörung schürt. Konstruktive Inhalte bekommen von den Programmen kaum Reichweite – egal wie gut sie aufbereitet sind.
  2. Social Media liefern allen Gruppen politisch einseitige Infos, die das jeweilige Weltbild bestätigen – auch mir und dir. Die Aufmerksamkeit wird jeweils auf einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit fokussiert. Und kurioserweise sind Menschen besonders überzeugt von ihrer eigenen Meinung, wenn sie relativ einseitige Infos zu dem Thema haben. Denn es ist viel einfacher, aus wenigen Informationen eine in sich stimmige Erzählung aufzubauen, als Komplexität auszuhalten: Über je weniger Infos ich verfüge, desto sicherer bin ich, dass ich Recht habe.
  3. Tech-Milliardäre und Trump nutzen Social Media als Machtinstrument. Sie wollen Journalismus ausschalten, um ihre eigene Macht zu boosten und die Demokratie zu schwächen oder gar zu ersetzen.

Populismus und Propaganda sind keine Neuerscheinungen, es gab sie schon immer, aber: Gestützt auf riesige Mengen an Nutzerdaten erhalten sie eine immense Reichweite. Die Programme kennen die Hoffnungen, Ängste und Schwachpunkte jedes Einzelnen und empören durch persönlich zugeschnittene Inhalte, sie verstärken die Spaltung durch Filterblasen. Künstliche Intelligenz wird genutzt, um alle Seiten zu radikalisieren.

Wie können wir einer Spaltung entgegenwirken?
„Viele müssen vieles tun“, sagt Ingrid Nestle. „Die Wirkweise von Social Media zu erkennen, ist wichtiger Teil der Lösung.“
Konkret heißt das:

  • Beziehe deine politischen Informationen stärker von Journalisten und Redaktionen. Medien mit Redaktionen sind überlebenswichtig.
  • Höre Menschen aus anderen Gruppen zu.
  • Vorsicht vor Empörung! Überzeuge Menschen, aber verachte sie nicht.
  • Teile dieses Wissen mit anderen Menschen.
  • Unterstütze demokratische Institutionen.

Im Anschluss an den Vortrag fand ein reger Austausch statt. Was kann die Politik machen? Ist ein Rückzug von Social Media Plattformen sinnvoll? Wie können wir uns wieder auf Fakten einigen? Wie können wir wieder mehr in den analogen Austausch kommen?
Gefahr erkannt – Gefahr gebannt? Nicht ganz, aber wir gehen mit dem Gefühl nach Hause, dem System noch nicht komplett ausgeliefert zu sein und die Verteidigung unserer demokratischen Gesellschaft ein Stück weit auch selbst in der Hand zu haben.