Rede von Heinrich Voß zum Tschernobyl-Gedenktag am 26. April 2026

Ende April 1986 erfuhren wir aus dem Radio, dass in Nordschweden stark erhöhte Radioaktivität gemessen würde; der Verdacht bestünde, dass es in einem schwedischen Atomkraftwerk einen Unfall gegeben hätte.
Wenige Tage später wurde deutlich, dass der Unfall in einem sowjetischen Atomkraftwerk in der Ukraine an der Grenze zu Weißrussland passiert war. Die Radioaktivität als Folge dieses Unfalls konnte mittlerweile in weiten Teilen Europas nachgewiesen werden.

Auch bei uns in Norddeutschland war die radioaktive Wolke angekommen.
Karsten Hinrichsen hatte auf unserem Hof ein ausgemustertes Strahlenmessgerät des Deutschen Wetterdienst installiert. Als dann Anfang Mai ein starker Regen auf uns herunterprasselte, konnten wir entsetzt an diesem Gerät sehen, wie die radioaktiven Partikel auf die Pflanzen und den Erdboden gelangten.

Die Vegetation im Frühjahr 1986 kam erst spät in Gang. Die Futtervorräte vieler Bauern gingen zur Neige. Alle freuten sich auf den Weideauftrieb. In allen Katastrophenplänen war und ist vorgesehen, dass bei einer solchen Katastrophe die Tiere in den Stall geholt und mit Heu und Silage gefüttert werden. Da es kaum noch Futtervorräte gab, waren viele Bauern jedoch dazu gezwungen, die Tiere auf die belasteten Weiden zu lassen.
Die Verantwortlichen der verschiedenen Ebenen, die zuvor die sichere Atomkraft gepriesen hatten, agierten plötzlich hilflos und kleinlaut.

Diese Atomkatastrophe sorgte für ein gesellschaftliches Entsetzen. Schon wenige Woche später, am 7. Juni 1986, demonstrierten hier 40.000 gegen die bevorstehende Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Brokdorf.
Auf der Suche nach unbelasteter, gesunder Nahrung gründeten sich sehr schnell die „Eltern für unbelastete Nahrung“.
Später wurde immer deutlicher, dass Teile Weißrusslands und der Ukraine noch viel extremer radioaktiv belastet waren. So gründete sich auch hier in der Wilstermarsch ein Verein, der unter anderem dafür sorgte, dass Kinder aus diesen Gebieten bei Gasteltern einige Wochen Urlaub machen konnten.

Demnächst sollen aus der britischen atomaren Aufbereitungsanlage Sellafield 7 Castoren mit aufbereitetem Atommüll in dieses atomare Zwischenlager hier in Brokdorf kommen. Diese Information macht uns wieder bewusst, dass sich in diesem Zwischenlager Atommüll aus wenigen Jahrzehnten Energienutzung befindet, der aber für die Ewigkeit sicher gelagert werden muss.

Es bleibt ein gesellschaftlicher Skandal, dass dieser Atommüll überhaupt produziert wurde!
So stellte zum Beispiel bereits vor 50 Jahren das Verwaltungsgericht Schleswig fest, dass die Entsorgung des Atommülls nicht gesichert sei. Dank der unbequemen, zähen und breit aufgestellten Anti-Atom-Bewegung beschloss die Bundesregierung nach der Katastrophe von Fukushima im Frühjahr 2011 den Ausstieg aus der Atomernergienutzung in Deutschland.
Ende 2020 wurde dann auch das Atomkraftwerk Brokdorf stillgelegt.
Mittlerweile werden alle Atomkraftwerke in Deutschland zurückgebaut.

Doch es gibt immer noch Politiker, die die Atomenergie wieder nutzen wollen. Sie verschweigen ihren Wählerinnen und Wählern, dass es keinen materiellen Schutz gegen die Wirkung von radioaktiver Strahlung gibt. Alle Versicherungen schließen den Schutz vor radioaktiver Strahlung aus!

Zu allem Überfluss plante ab 2007 die Südwest-Strom den Bau mehrerer Kohlekraftwerke in Brunsbüttel.
Gemeinsam mit unseren Freunden in Brunsbüttel haben wir uns dagegen gewehrt. 2012 wurde dieses Projekt glücklicherweise aufgegeben.

In Schleswig-Holstein erzeugen wir heute Dank des Fusionsreaktors „Sonne“ kostenlos doppelt so viel Erneuerbare Energie wie wir aktuell verbrauchen. Abgesichert wird unsere Stromversorgung mit Erneuerbarer Energie durch den NordLink, eine Gleichstromleitung, von Norwegen aus geleitet durch die Nordsee zu uns nach Schleswig-Holstein. Durch sie werden wir auch bei bei Dunkelflauten mit elektrischem Strom aus den Wasserkraftwerken in Norwegen versorgt. Natürlich wird im Gegenzug durch diese Leitung auch überschüssiger Windstrom aus Schleswig-Holstein nach Norwegen geliefert.

2040 wird Schleswig-Holstein klimaneutral sein.
Wie wir sehen, steht dieses Ziel durch die Erneuerbaren Energien auf einem sicheren Fundament.